Hallo, mein Name ist Jenny, ich bin 34 Jahre alt und lebe aktuell mit meinem Sohn und meinem Mann im schönen Taunus. In absehbarer Zeit werden wir privat einen großen Schritt gehen und ein tolles Haus in den Weinbergen in Rheinhessen beziehen. Diesen Schritt können wir allerdings nur gehen, weil ich durch meinen Beruf sehr ortsunabhängig arbeiten kann. Sonst wäre ein täglicher Arbeitsweg von fast drei Stunden mit der Familie nicht vereinbar.
Ich habe meine Ausbildung zur Kauffrau für Bürokommunikation bei DB Training, einem Tochterunternehmen der Deutschen Bahn AG, absolviert. Recht schnell war klar, dass eine Übernahme nicht stattfinden wird, sodass ich mich bereits in der Ausbildung nach einer Folgebeschäftigung umschauen konnte. Das Problem: den Job, den ich mir wünschen würde, mit allen Tätigkeiten und Anforderungen, den gibt es für mich mit einer reinen Ausbildung nicht. Also bin ich im Anschluss an meine Ausbildung zur Überbrückung zur DB-eigenen Zeitarbeitsfirma gewechselt. Von dort kam ich über glückliche Zufälle an meinen jetzigen Job als Assistenz des Gesamtbetriebsrats (so zumindest der Titel) eines IT-Dienstleisters. Denn die klassische Assistenztätigkeit macht nur noch einen kleinen Teil der täglichen Arbeit aus. Ich betreue den Personalentwicklungs- und Bildungsausschuss, in dem alle Schulungen und Weiterbildungen für die rund 5000 Mitarbeiter behandelt werden und erarbeite in diesem Zusammenhang neue Lernkonzepte. Dabei sind immer die aktuell gültigen Regelungen des Konzerns, des Datenschutzes und der internen Vereinbarungen zu berücksichtigen. Außerdem bin ich gemeinsam mit den Kollegen aktiv in die Transformation in die Agilität der Firma eingebunden. Ein Job, den ich auf dem klassischen Weg ohne ein Studium nie erreicht hätte.
Was hat dich zu einem Branchenwechsel geleitet?
In erster Linie kam es aus der Not heraus. Ich hatte durch die Einsätze als Zeitarbeitskraft über ein Jahr die Möglichkeit, in verschiedene Themenfelder zu schnuppern und es gab auch zwei Möglichkeiten zur Übernahme. Aber mich hat nichts wirklich überzeugt. Mir wurde dann die Gelegenheit gegeben, bei den Verhandlungen einer wichtigen Konzernbetriebsvereinbarung auf Vorstandsebene dabei zu sein, um dort Protokoll zu führen. Auf diesem Wege habe ich den Gesamtbetriebsratsvorsitzenden einer IT-Firma kennengelernt, der mich sehr schnell in sein Team holen wollte. Dazu muss ich sagen: Jenny und IT sind wie Feuer und Wasser. Auch heute noch. Deshalb war ich anfangs sehr skeptisch. Ich hatte allerdings nichts anderes in Aussicht und die Bezahlung, die mir angeboten wurde, war mehr als ordentlich. Deshalb habe ich mich entschieden, es einfach mal auszuprobieren.
Was war für dich die größte Herausforderung?
Alle, die als Nicht-ITler in dieses Umfeld kommen, werden es nachempfinden können: man fühlt sich anfangs wie ein Dau (Dümmster anzunehmender User). Ich arbeite im Gegensatz zu dem Großteil meiner Generation gerne mit Unterlagen, die ich anfassen kann. Ich brauche die Haptik und den Stift in der Hand. Das ist meine Form des Lernens. Es hat viel Zeit gebraucht, mich an ein vollständig digitales Umfeld zu gewöhnen und vor allem auch, den Spaß daran zu finden. Hinzu kam, dass mein neuer Job im Betriebsratsumfeld war, das heißt, ich musste mir sehr schnell viele Kenntnisse aneignen, die für die tägliche Arbeit absolut nötig sind, vom Betriebsverfassungsgesetz bis zu aktuellen Rechtsprechungen. Und die größte Herausforderung: Betriebsratsarbeit kann man nicht lernen. Es erfordert enorm viel Fingerspitzengefühl, das nur die Zeit mit sich bringt.
Wovor hattest du am meisten Angst?
Mir wurde gleich zu Beginn eine Stelle angeboten, die als Anforderung entweder ein Studium oder mehrjährige Berufserfahrung enthielt. Ich hatte beides nicht. Trotzdem sollte ich die ausgeschriebene Gehaltsklasse erhalten. Ich hatte Angst, dass ich die Anforderungen nicht erfüllen kann. Ich hatte gerade die Ausbildung abgeschlossen und auch wenn ich die Zeit bei der Zeitarbeitsfirma aus heutiger Sicht nicht missen möchte: selbstbewusstseinsfördernd ist diese Tätigkeitsform nicht. Ich war in dem neuen Arbeitsumfeld mit großem Abstand die jüngste und das IT-Umfeld ist auch heute noch eher männerlastig. Kurz: ich musste zu Beginn erstmal erkennen, was ich kann und meinen Platz finden.
Was hat dir geholfen?
Mein Chef hat mich als Assistenz des Gesamtbetriebsrats eingestellt. Er hat mir aber von Anfang an alle Freiheiten gegeben, mich in Themen einzubringen, die mir liegen und für die ich mich interessiere. Hinzu kommt, dass in einem Betriebsratsgremium häufig ein bunter Haufen an Quereinsteigern zu finden ist: meine Kolleg:innen sind studierte Physiker und Mathematiker, ehemalige Fremdsprachenassistentinnen, Kolleg:innen aus dem Bahnbetrieb (also aus der Praxis im Sinne der deutschen Bahn) und natürlich ITler. Es ist dort also nicht ungewöhnlich, dass ein Quereinsteiger ohne Vorkenntnisse ins Team kommt.
Würdest du im Nachhinein was anders machen?
Ich glaube nicht. Im Nachhinein bin ich sehr stolz auf den Weg, den ich gegangen bin. Es war nicht der naheliegendste Weg, aber mein Bauchgefühl hat sich als richtig erwiesen.
Welche Tipps und Tricks würdest du anderen geben auf ihrem Weg in den Quereinstieg?
Wenn man wie ich zu einer größeren Firma wechselt, dann finde ich es sehr wichtig, die Firmenphilosophie zu kennen und mit seinen eigenen Ansprüchen abzugleichen. Man hört aktuell ja sehr oft, dass es den perfekten Bewerber nicht gibt und man bereit sein sollte, sich weiterzuentwickeln. Das gilt aber auch für den Arbeitgeber. Es liegt ja in der Natur des Quereinstiegs, dass man nicht von Beginn an alle Skills mitbringt. Dessen sollte man sich schon bewusst sein und man sollte einen groben Plan haben, welche Skills fehlen und wie man diese erwerben kann. Ich habe mir zu Beginn recht schnell ein kleines Netzwerk um mich herum aufgebaut, bestehend aus Personen, die gerne ihr Wissen weitergeben und immer ansprechbar für mich sind.
Was findest zu am wichtigsten, wenn es um Kenntnisse geht, die du in der Praxis erwerben musst?
Fragen, fragen, fragen. Man sollte sich nicht scheuen, sich Unterstützung zu suchen. Und diese Unterstützung suche ich mir noch heute fernab von Hierarchien oder Abteilungsgrenzen. Eine offene Grundhaltung hilft da enorm. Auch heute kenne ich nicht alle Begriffe und Abkürzungen (natürlich meistens auch noch auf englisch), die in unserer Firma zum Sprachgebrauch gehören. Aber darum geht es meiner Meinung nach auch nicht allein. Natürlich brauche ich einen Werkzeugkoffer, aus dem ich mich bedienen kann. Und ich muss wissen, in welchem gesetzlichen Rahmen ich mich bewegen kann. Aber das Gefühl und Verständnis für die Firma und vor allem für die Menschen, für die wir täglich das Beste rausholen wollen, kann mir kein Studium oder Lehrgang vermitteln.