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Fachkräftemangel als Chance für den Quereinstieg

Fachkräftemangel, gute Chancen für einen Quereinstieg

Etliche Fragen und Theorien kursieren um den Begriff Fachkräftemangel. Doch entgegen vieler Behauptungen bringt die aktuelle Lage am Arbeitsmarkt nicht nur Probleme und Herausforderungen mit sich, sondern birgt auch jede Menge Chancen. Welche Berufe derzeit besonders gefragt sind und welche Chancen sich dabei für Quereinsteiger ergeben, erfährst du in diesem Beitrag.

Mangel und Engpass

Fachkräftemangel ist nicht gleich Fachkräftemangel. Um die Lage des Arbeitsmarktes richtig abwägen zu können, lohnt es sich bei der Definition etwas genauer hinzuschauen. So bedeutet ein Fachkräfteengpass, dass die Nachfrage nach passenden Fachkräften kurzfristig nicht bedient werden kann. Um es mit den typischen Marktgesetzen zu beschreiben, die Nachfrage ist auf kurze Sicht größer als das Angebot.

In diesem Zusammenhang ist es wichtig zu beachten, dass sich diese Knappheit zuerst auf festgelegte Bereiche oder Berufsgruppen begrenzt. Denn ein Fachkräfteengpass kann ebenso dann entstehen, wenn rechnerisch die Menge der Arbeitslosen größer ist als die zu besetzenden Stellen. In diesem Falle spricht man von einem sogenannten Missmatch, bei dem die Qualifikationen der verfügbaren Arbeitnehmer nicht mit den Voraussetzungen der Arbeitgeber übereinstimmen.

Dauert die beschriebene Knappheit über einen längeren Zeitraum an, handelt es sich schlussendlich laut Definition um einen Fachkräftemangel. Wichtig ist ebenso, dass dabei vorerst nur bestimmte Bereiche, beziehungsweise Berufsgruppen betroffen sind. Ist dagegen die gesamte Wirtschaft der Nation betroffen, so spricht man von einem flächendeckenden Fachkräftemangel.

Für die hinreichende Beurteilung ist es demzufolge wichtig zwischen den einzelnen Entwicklungsstadien zu differenzieren. Ob es sich um einen Fachkräfteengpass, einen Fachkräftemangel oder um einen flächendeckender Fachkräftemangel handelt, ergibt hierbei einen entscheidenden Unterschied.

Woher kommt der Fachkräftemangel?

Ein oftmals genannter Grund für die Entstehung eines Fachkräftemangels ist die demographische Entwicklung einer Gesellschaft. Das wichtigste Merkmal dieses Wandels ist die unterschiedliche Entwicklung von Nachfrage und Angebot auf dem Arbeitsmarkt. Die Zahl hinreichend ausgebildeter Fachkräfte sinkt, zum Beispiel aufgrund sinkender Geburtenzahlen, hoher Abwanderung oder niedrigen Bildungsniveaus. Zugleich bleibt die Nachfrage nach Experten und Spezialisten aus Unternehmen unverändert oder steigt.

Diese häufig angeführte Darstellung ist jedoch nicht umfangreich genug. Im Kern heißt es bloß, dass nicht jeder Spezialist, der aus dem Markt scheidet, von einem Neuen ersetzt werden kann. Dies beschreibt aber die Austauschbarkeit des Personals ohne Beachtung von Potenzialen und individuellen Fähigkeiten. Die Debatte sollte sich jedoch vermehrt auf die Globalisierung sowie technologische und institutionelle Veränderungen konzentrieren, insbesondere auf die sich ändernde Bedeutung der Arbeit. Das Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit IZA beschreibt exakt diesen Ansatz und geht damit über das rein demographische Argument hinaus.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es einige voneinander abhängige Punkte bei den drei Formen des Wandels gibt. Technologischer Fortschritt, dh Digitalisierung, bedeutet, dass Routinearbeiten zunehmend automatisiert werden. Der Mensch als bisher bekannte Arbeitskraft wird ersetzt. Mit der Globalisierung nimmt ebenfalls die Verlagerung von Produktionsaktivitäten in Länder mit niedrigem Lohnniveau zu. Außerdem werden sich die institutionellen Gegebenheiten weiter ändern. Die Rolle der Arbeit als Fixpunkt im Leben schwindet. Selbstbestimmung Freizeit und Hobbys gewinnen an Bedeutung und schaffen bei alldem flexible und unabhängigere Arbeitsmethoden.

Die Vielzahl der individuellen Erfordernisse auf dem Arbeitsmarkt wird weiter zunehmen. Infolgedessen werden die Anforderungen an die Beschäftigten fortlaufend spezifischer. Deswegen kann diese individuelle Vielfalt durch bereits bekannte Grundausbildungen kaum mehr abgedeckt werden. Es wird demnach von enormer Relevanz sein, sich auf die neuen Voraussetzungen durch den Wandel vom Arbeitgebermarkt zum Arbeitnehmermarkt einzustellen.

Chancen für einen Quereinstieg

Es existiert keine allumfassende Kennzahl zur Beschreibung der Lage am Arbeitsmarkt. Dafür gibt es zu große Schwankungen zwischen einzelnen Berufsgruppen und Regionen. Laut BMWi herrscht zudem derzeit kein flächendeckender Fachkräftemangel in Deutschland. Dennoch lässt sich in den folgenden Berufsgruppen und Industriezweigen ein erhöhter Engpass an Fachkräften feststellen:

  • Handwerk
  • Baubranche
  • Technische Berufe
  • Metallindustrie
  • Gesundheits- und Pflegeberufe
  • Logistik und Transport

Die Liste der einzelnen betroffenen Berufe ist lang. Die Engpassanalyse der Bundesagentur für Arbeit gibt dazu jedes Jahr einen detaillierten Überblick. Jedoch lassen sich für die jeweiligen Qualifizierungslevel unterschiedliche Anforderungen erkennen.

Fachkräfte:

Im Bereich der Fachkräfte spannt sich unter anderem die Lage bei den Handwerks- und Bauberufen weiter an. Hier sind von Installationen im Rohrleitungsbau und Sanitärbereich, über die Elektrotechnik bis hin zu Bodenlegearbeiten nahezu alle Aufgabenstellungen betroffen.

Ebenso in den Bereichen der Materialverarbeitung werden Fachkräfte gesucht. Dabei sind Kunststoff- und Metallbearbeitung vergleichbar betroffen wie die Branchen der Holz- und Natursteinverarbeitung. Hinzu kommen in diesen Fällen noch die entsprechenden Arbeiten in Verbindung mit den jeweiligen Werkzeugen, Baumaschinen und Kraftfahrzeugen.

Und auch die Berufe der Gesundheits- und Pflegebranche weisen eine hohe Nachfrage an Fachkräften auf. Dabei werden nicht nur Gesundheits-, Kranken- und Altenpfleger gesucht, sondern auch Assistenten im Bereich Operation und Medizin.

Spezialisten:

Bei den Spezialisten ist im Grunde eine ganz ähnliche Bandbreite an Branchen betroffen, analog zu den Fachkräften. Hinzu kommen hier noch die verschiedenen Berufsgruppen der Informatik, der Energiebranche und der Automatisierungstechnik.

Aber auch der Gesundheitssektor ist erneut stark betroffen. In die Gruppe der gesuchten Berufe reihen sich hier Sprach- und Physiotherapie, Orthopädie- und Rehatechnik sowie erneut die Pflege mit ein.

Experten:

Bei den Experten zeigt sich der Bedarf am deutlichsten in den Bereichen der Humanmedizin. Betroffen ist hierbei die Allgemeinmedizin, aber auch Spezial- und Fachmedizin sowie Neurologie und Psychologie. Hinzu kommen auf diesem Gebiet noch die Apotheker und Pharmazeuten.

Das zweite große Themengebiet betrifft die Informationstechnik. Jobs in den Bereichen Software- und IT-Lösungen sind genauso zu besetzen wie in der technischen Informatik oder der Automatisierungstechnik.

Quereinstieg nur für Fachkräfte?

Grundsätzlich ist es wichtig, ein allgemeines Bewusstsein des Begriffs „Fachkraft“ zu erlangen. Wenngleich die Bedeutung auf den ersten Blick eindeutig erscheinen mag, existieren mehrere Ansatzpunkte für die Definition.

Nach dem Wörterbuch ist eine Fachkraft eine Person, die eine spezifische Ausbildung für ihren Arbeitsbereich erhalten hat. Das ist noch nicht sonderlich präzise und lässt noch reichlich Interpretationsspielraum. Wer ist etwa für die vollständige Ausbildung verantwortlich? Und wann zählt man als speziell ausgebildet? Nach Angaben des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales sind Fachkräfte Menschen mit anerkannter Berufsausbildung. Das macht es ein wenig konkreter. Allerdings gibt es heute gerade einmal 326 anerkannte Ausbildungsberufe und immerhin 700 Berufsuntergruppen und sogar 1286 Berufskategorien.

Darüber hinaus schließt ebendiese Definition Akademiker, d.h. Absolventen von Fachhochschulen und Universitäten, aus. Dies wiederum lässt die Frage offen, ob man unverzüglich nach Abschluss der Ausbildung oder des Studiums in der Lage ist, einen Beruf in Gänze auszuüben. Oder ob man die Fähigkeiten hat, das Gelernte gleichermaßen anzuwenden? Und kann man somit direkt als Fachkraft gesehen werden?

Die Definition des DVGW ist wesentlich präziser: Eine Fachkraft ist eine Person, die auf Grund ihrer fachlichen Ausbildung, ihrer Kenntnisse und Erfahrungen wie auch ihrer Kenntnis der einschlägigen Normen die ihr übertragenen Arbeiten abwägen und mögliche Gefährdungen feststellen kann. In dem Zusammenhang wird die technische Ausbildung grundlegend durch die Bestandteile Wissen und Erfahrung erweitert. Sozusagen um das individuelle Potenzial.

Und das bringt es dem Bild einer Fachkraft reichlich näher. Ein echter Mehrwert entsteht bloß, wenn das Potenzial besteht, eine spezielle Aufgabe entsprechend zu lösen. Dabei geht es nicht an erster Stelle um eine spezifische Ausbildung, sondern darum, die gelernten Fähigkeiten anzuwenden, sich mit einem Thema vertraut zu machen. Oder auch den Kontext zu erfassen und in dieser Art geeignete Unterstützung zu suchen. Daher kann die Bedeutung des Begriffs „Fachkraft“ wie folgt definiert werden: Eine Fachkraft hat das Potential, die gestellten Aufgaben zu erfüllen. Anstatt also nach dem Peter Prinzip immer weiter aufzusteigen bis man scheitert, kann ein Quereinstieg der eigenen Karriere einen ungeahnten Schub verleihen.

Autor:

Felix Nawroth, M.Sc. (CEO von JobSwop.io)